Abbruch oder Aufbruch?
Warum wir die Nachkriegsmoderne weiterbauen sollten

Wie gehen wir mit den Bauwerken der Nachkriegszeit um? Erhalten wir sie oder reißen wir sie ab? Das sind zentrale Fragen der Debatte um diese Architektur: Kunsthistorikerin Dr. Christine Kämmerer, Co-Kuratorin der M:AI-Ausstellung „Modern gedacht! Symbole der Nachkriegsarchitektur“, blickt auf Probleme und gelungene Beispiele.

Ideenreichtum und Experimentierfreude prägten die Architektur und den Städtebau der 1950er bis 1970er Jahre. Heute ist davon mancherorts nur noch wenig zu spüren. Viele Bauten sind sanierungsbedürftig; einige planerische Konzepte gelten sogar als komplett gescheitert. Und: Nicht alle der einst innovativen Konstruktionen und Materialien haben sich als beständig erwiesen. Asbest oder PCB, die in den 1960ern als „Baustoff der Zukunft“ massenhaft zum Einsatz kamen, sind heute ein Gesundheitsrisiko und führen zu aufwendigen und teuren Sanierungen – vor allem im Wohnungs- und Schulbau.

Gesellschaftliche Veränderungen fordern Bauwerke heraus

In vielen Großsiedlungen traten bereits nach wenigen Jahren Probleme auf, denen mit baulichen und sozialen Maßnahmen begegnet wurde. Unter anderem wurden Wohnungen modernisiert, die Außenräume attraktiver gestaltet sowie mehr kulturelle und soziale Einrichtungen geschaffen. Für Verwaltungs- und Bürobauten gilt: Sie müssen an die neuen Anforderungen der digitalisierten Arbeitswelt angepasst werden – mit anderen, flexibleren Raumaufteilungen und einer zeitgemäßen Technik.

Zahlreiche Warenhäuser, damals Zeichen des wirtschaftlichen Wohlstands, stehen seit Jahren leer, weil ihnen große Verbrauchermärkte und Einkaufscenter den Rang abgelaufen haben. Und wenn wegen rückläufiger Zahlen an Gemeindemitgliedern die Aufgabe einer Kirche beschlossen wird, so trifft es in vielen Fällen eher einen Bau der 60er Jahre als einen des 19. Jahrhunderts. Andere Bauten der Nachkriegsmoderne wiederum werden schlichtweg nicht mehr als ästhetisch ansprechend empfunden und lassen den Ruf nach Abriss der vermeintlich hässlichen „Betonklötze“ laut werden. Die Bauwerke der sogenannten Nachkriegsmoderne sind in mehrerer Hinsicht von Veränderung betroffen.

Gute Gründe gegen den Abriss der Nachkriegsmoderne

Jene, die sich mit dem baulichen Erbe dieser Jahre auseinandersetzen müssen – Eigentümer, Nutzer, Architekten, Denkmalpfleger – stehen oft vor großen Herausforderungen, zum Beispiel wenn es darum geht, den Bestand umzubauen, weiterzuentwickeln oder einer neuen Nutzung zuzuführen, sodass der Erhalt auch langfristig sinnvoll und wirtschaftlich ist.

Neben den Kriterien des Denkmalschutzes sprechen dabei auch andere Gründe gegen einen Abriss. Da ist zum einen die Nachhaltigkeit: In vielen Fällen ist es ressourcenschonender ein bestehendes Gebäude zu sanieren, als es durch einen neues zu ersetzen. Erst recht, wenn in die Berechnung nicht nur die Betriebsenergie einfließt, sondern auch die „graue Energie“ und die Baustoffe, die für Abriss und Neubau aufgewendet werden. Zum anderen stiften viele Gebäude Identität für ihre Nachbarschaft. Kirchen sind beispielsweise häufig eng mit Ereignissen der eigenen Lebensgeschichte verbunden und somit emotional behaftet.

Gelungene Beispiele für den Umbau – Q1 in Bochum

Zusätzlich zu den konstruktiven Aspekten geht es deshalb vor allem um die Beantwortung der Frage nach einer angemessenen Nutzung, die Umbauprozesse erschwert. Vorbildlich ist die Neugestaltung der Bochumer Friedenskirche (Walter Arns, Louis Buderus jun., Arnold Rupprecht, 1969), die 2015 durch soan architekten zum interkulturellen Stadtteilzentrum „Q1“ um- und ausgebaut wurde. Ein Teil der ehemaligen Kirche lässt sich weiterhin für liturgische Zwecke nutzen. Darüber hinaus stehen auch Büros, Gruppenräume, zwei Säle und ein Café als Treffpunkt für die Stadtteilbewohner aller Glaubensrichtungen zur Verfügung.

DOC in Dortmund

Das ehemalige Gebäude der WestLB in Dortmund des Architekten Harald Deilmann. Ein weiteres Beispiel, wie Bauwerke der Nachkriegsmoderne aussehen. Foto: Ben Kuhlmann.

Das ehemalige Gebäude der WestLB in Dortmund des Architekten Harald Deilmann. Ein weiteres Beispiel, wie Bauwerke der Nachkriegsmoderne aussehen. Foto: Ben Kuhlmann.

 

Ein weiteres erfolgreiches Beispiel für einen Transformationsprozess ist das ehemalige Gebäude der WestLB in Dortmund (1975–1978). Mit der weißen Leichtbetonfassade, den sichtbaren Versorgungsleitungen und der skulpturalen Form verband der Architekt Harald Deilmann moderne Konstruktion und zeitgemäße Gestaltung. Nach dem Ende der Landesbank wurde das Gebäude in den Jahren von 2011 bis 2014 umfangreich saniert und zu einem Ärztezentrum umgebaut. In enger Zusammenarbeit mit der Denkmalschutz-behörde gelang es dem Architekturbüro Eller + Eller, die baulichen Voraussetzungen für diese neue Nutzung zu schaffen und dabei die Charakteristika der Architektur weitgehend zu erhalten.

Dreischeibenhaus in Düsseldorf

Auch beim Dreischeibenhaus in Düsseldorf (1956–1960) glückte die denkmalgerechte Revitalisierung, die von 2012 bis 2014  das Büro HPP Hentrich-Petschnigg & Partner ausführte, die Nachfolger der Ursprungsarchitekten. Eine der größten Herausforderungen war dabei die energetische Ertüchtigung der Glasvorhangfassade – ohne ihr Erscheinungsbild zu verändern.

Diese Beispiele – und viele andere Projekte in Europa – zeigen, dass die nachhaltige Entwicklung von Bauten der 1950er bis 1970er Jahre trotz konstruktiver, wirtschaftlicher oder funktioneller Herausforderungen möglich ist: Das problematische Erbe birgt oft ungeahntes Potenzial für die Zukunft.

Text: Dr. Christine Kämmerer ist Kunsthistorikerin, arbeitet als freie Kuratorin für das M:AI und ist Mitglied des Vereins Ruhrmoderne.

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