“Fluch und Segen”: M:AI zeigt im Herbst 2019 eine Ausstellung zu Kirchen der Nachkriegsmoderne

Ursula Kleefisch-Jobst blickt im Blog voraus auf die geplante Ausstellung des M:AI über die Nachkriegskirchen.

Der zunehmende Leerstand von Kirchen hat in letzter Zeit eine größere gesellschaftliche Debatte ausgelöst. Diese wird verschärft  durch die Ankündigung der katholischen Bistümer und evangelischen Landeskirchen einen Großteil dieser Bauwerke in den kommenden Jahren zu veräußern. Betroffene Gemeinden stehen oftmals vor der komplexen Herausforderung, eine ihrer Kirchen im Pfarrverbund zu verkleinern, für andere Nutzungen zu öffnen oder sich dem – stets als schmerzlich empfundenen – Abriss zu beugen.

Reduziert und radikal – Kirchen nach 1945

Im Fokus stehen in erster Linie Kirchenbauten, die nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die Mitte der 1970er Jahre entstanden sind. Es sind zum Teil wiederaufgebaute Kirchen, häufig in einer ganz eigenen, reduzierten Ästhetik, oder radikale moderne Bauwerke, die im Kontext der neuen Stadtquartiere geplant worden sind. Deshalb bezeichnete man diese Neugründungen bildhaft auch als “Pantoffelkirchen”. Damit erklärt sich, warum es insbesondere in den dichtbesiedelten Gebieten an Rhein und Ruhr so viele Nachkriegskirchen gibt und das Problem des Leerstandes dort besonders drängend ist.

Fügt sich direkt in die Häuserzeile ein: die Kirche St. Gertrud in Köln, entworfen von Gottfried Böhm. Foto: © Michael Rasche.

In die Debatte bringen sich mittlerweile nicht nur die betroffenen Gemeindemitglieder ein. Vielmehr engagieren sich viele Menschen für
“ihre” Kirche, selbst wenn sie persönlich nicht kirchlich gebunden sind. Jedoch sind Sakralbauten nicht nur funktionale Gebäude für den Ritus, sondern bilden in ihrer Gestaltung und Ästhetik einen Gegenpol zum Profanen und Alltäglichen.

Herausforderung an die Gestaltung

Der Schweizer Kirchenbaumeister Walter M. Förderer sprach in den 1960er Jahren vom Kirchengebäude als einem “Gesamtkunstwerk von hoher Zwecklosigkeit”. Er postulierte damit einen sehr hohen Gestaltungsanspruch an dieBauaufgabe. Bis heute ist der Bau einer Kirche für Architekten etwas Besonderes. Kaum eine Bautypologie lässt Architekten eine so große gestalterische Freiheit. Deshalb war der Kirchenbau Jahrhunderte lang ein Wegbereiter für neue Stilentwicklungen.

Besondere Orte

Kirchengebäude sind in ihrer äußeren Erscheinung mit ihren weithin sichtbaren Glockentürmen bis heute markante städtebauliche Zeichen und trotz digitaler Navigation eindeutige Wegweiser. Es ist aber vor allem die besondere Atmosphäre der Innenräume, die die Menschen berührt und einnimmt.

Nicht nur die Baumeister der gotischen Kathedralen, sondern auch heutige Architekten, wie Wolf D. Prix von Coop Himmel(l)bau, sprechen vom Bauen mit dem Material Licht. Der Humangeograf Jürgen Hasse, der den Kirchenraum als einen heterotopen Ort bezeichnet, charakterisiert seine Atmosphäre als numinos: “Eine Gefühlsgestimmheit, die der Sprache kaum zugänglich ist.”

Nach dem Theologen und Kunstexperten Friedhelm Mennekes hat der Kirchenraum drei Funktionen: “Er entrückt, sammelt (im Sinne einer Gemütssammlung) und erregt.” Kirchengebäude sind oftmals biografische Orte über Generationen, sie spiegeln kirchengeschichtliche und gesellschaftliche Entwicklungen, sie sind kulturelle Zeugnisse. Der Umgang mit ihnen und ihre Zukunft ist daher nicht nur eine innerkirchliche Angelegenheit, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe.

Ausstellung in Kirche von Gottfried Böhm

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Der Innenraum der Kirche St. Gertrud in Köln. Foto: © Michael Rasche.

Diesen Fragen geht das M:AI in der Ausstellung “Fluch und Segen” nach und wird das Kirchengebäude Sankt Gertrud in Köln als erlebbares Ausstellungsexponat inszenieren. Dieser Kirchenbau, der sich so nahtlos in die Wohnbebauung einfügt, entstand zwischen 1963-1965 nach Entwürfen von Gottfried Böhm. Auf der einen Seite ist Sankt Gertrud ein wichtiger Bau unter den vielen Kirchenbauten des großen Kirchenbaumeisters, auf der anderen Seite ist die Kirche aber auch ein sehr charakteristisches und zeittypisches Bauwerk für die vielen Nachkriegskirchen.

Die Ausstellung möchte in der Anschauung und im Erleben des einzelnen Bauwerks gleichzeitig das Allgemeine und Charakteristische herausarbeiten und es in seinem zeitgeschichtlichen Kontext erläutern. Damit deutlich wird, warum der Umgang mit diesem großen Erbe so schwierig ist und eine Herausforderung, die sich nicht so einfach meistern lässt – die uns aber alle angeht.

Text: Ursula Kleefisch-Jobst. Fotos der Kirche St. Gertrud in Köln: © Michael Rasche.

[Der Text ist dem aktuellen M:AI-Themenheft 2019 entnommen. Für das M:AI-Blog wurde er redaktionell geringfügig bearbeitet. Anmerkung der Redaktion.]