Freiraum für die Sinne. Eindrücke von der Architektur-Biennale Venedig 2018

Die Goldenen und Silbernen Löwen sind vergeben, die 16. Architektur-Biennale lockt nach Venedig. Ursula Kleefisch-Jobst war vor Ort, im M:AI-Blog berichtet sie von ihren Eindrücken und Entdeckungen.

Selten ist eine Biennale so leise und unspektakulär im Vorfeld der Eröffnung gewesen und strahlt nun eine so sinnliche und entspannte Atmosphäre aus wie in diesem Jahr. Mancher Kritiker befand zu unpolitisch, zu wenig provokant angesichts der großen, globalen Herausforderungen. Ich persönlich fand es wohltuend, nach der politischen Biennale 2016 von Alejandro Aravena und der theorielastigen und überbordenden von Rem Koolhaas in 2014.

Endlich bin ich einmal aus Venedig abgereist mit dem Gefühl, die Ausstellungen der beiden Biennale-Kuratorinnen Shelley McNamara und Yvonne Farrel in der Corderie dell’Arsenale und im Padiglione Centrale der Giardini auch wirklich in Gänze betrachtet und vor allem auch genossen zu haben. Das letzte ist ein seltenes Gefühl bei Biennale-Besuchen, denn die Vielzahl an Projekten und Präsentationen, mit denen die letzten Biennalen aufwarteten, schienen die Botschaften in der Fülle fast untergehen zu lassen. Vielleicht ist die Konzentration auch ein Weg, sich den großen Herausforderungen zu stellen, denn eins haben die vergangenen beiden Biennale deutlich gezeigt: Es gibt keine allgemein verbindlichen Lösungen, denn letztendlich ist jede Architektur immer auf den Ort und die jeweiligen menschlichen Bedürfnisse zugeschnitten.

Imposanter Einstieg ohne Worte im Arsenale

Die lange Blickachse im Arsenale. Foto: Ursula Kleefisch-Jobst.

Die lange Blickachse im Arsenale. Foto: Ursula Kleefisch-Jobst.

Wenn möglich beginne ich meinen Rundgang immer im Arsenale, denn die Ausstellung in der Corderie de la Tana – wie das imposante Gebäude ursprünglich hieß – vermittelt einen guten ersten Eindruck vom Konzept und der Haltung der Kuratoren.

In diesem Jahr betreten Besucher den Vorraum der Corderie durch einen Vorhang aus dicken Schiffstauen, eine erste Hommage an den Ausstellungsort. Der Vorraum ist leer, lediglich an den Längswänden sind Projektionen historischer Pläne zu sehen, die die Funktion dieses ungewöhnlichen Ortes ins Gedächtnis rufen. Kein ins-Auge-springender ausführlicher Einführungstext als Statement der jeweiligen Kuratoren.

Beim Betreten der dreischiffigen Halle eröffnet sich diese dem Besucher in ihrer gesamten Länge. Ein imposanter Einstieg und ein wortloses Statement zum Thema der Biennale: “Freespace”. Das zwölf Meter hohe Mittelschiff, dessen hölzerne Dachkonstruktion teilweise geöffnet wurde, ist ein riesiger Freiraum – eine Bühne für die Biennale-Besucher. Lediglich ein breiter Fußweg, auf dem in Metern und römischen Fuß die Entfernung vom Eingang angegeben ist, durchzieht die Mittelachse der über 300 Meter langen Halle.

Projekte in unaufgeregter Atmosphäre

Die ausgewählten Büros und ihre Projekte sind ausschließlich in den niedrigeren Seitenschiffen platziert. Die beiden Kuratorinnen haben ihre Auswahl in jeweils kurzen, aber sehr prägnanten Statements begründet. Das mag auf den ersten Blick vielleicht etwas didaktisch anmuten, aber mir hat es sehr gut gefallen, sich den Projekten zunächst einmal mit dem Blick der beiden Kuratorinnen zu nähern. Das besondere einer Ausstellung ist neben der Setzung des Themas die Auswahl der Projekte, die wie Figuren im Roman das Narrativ füllen.

Auffallend ist, dass die Projekte vor allem an Hand von sorgfältig ausgeführten Modellen, teilweise auch in Modell-Sequenzen, präsentiert werden, in Zeichnungen und großformatigen Fotografien, aber nicht in Animationen oder Videos. Ich hatte den Eindruck, als wollte man unseren immer mehr digitalisierten Sehgewohnheiten etwas entgegensetzen, darauf verweisen, dass Architektur eine Kunst und ein Handwerk ist, mit der sich Räume schaffen lassen. Daher spielt auch das Material eine wichtige Rolle, und insbesondere der immaterielle Baustoff Licht. Selten gab es auch so viele Sitzgelegenheiten, gleichsam ein Symbol für die ruhige und unaufgeregte Atmosphäre dieser Biennale.

Freier Kuppelraum im Padiglione Centrale

Der Eindruck der Corderie setzte sich auch im Padiglione Centrale der Giardini fort. Auch hier ist der mächtige Kuppelraum am Eingang frei von Exponaten. Eine fast beiläufige Intervention gibt es nur im Bereich des Fußbodens, der aus kleinen, handgefertigten blauen Fließen besteht. Einen kleinen Moment war ich irritiert, ob dieser Boden hier schon immer vorhanden war, ebenso wie ein Fenster aus zwei sich durchdringenden Kreisen von Carlo Scarpa, das schon immer vorhanden, aber nie zu sehen war.

Modelle beherrschen auch den Padiglione. Der erste Raum ist bestückt mit großen Architekturdetails aus historischen Projekten in zeitgenössischer Interpretation. Die beiden Kuratorinnen versuchen, den Blick des Besuchers immer wieder auf räumliche Wirkungen und die Bedeutung von Details zu lenken. So wundert es nicht, dass auch die Architekturzeichnung eine wichtige Rolle spielt, ihr sogar ein eigener Raum gewidmet ist. Im Padiglione treffen Altmeister und junge Architekten auf einander, und wie schon in der Corderie in einer unprätentiösen, leisen Art und Weise, eher einem Dialog gleich.

In diesem Jahr gibt es auch wieder einige Interventionen im öffentlichen Raum der Stadt. Das ist sehr wichtig für Venedig, ist das 20. und erst recht das 21. Jahrhundert doch nie im Stadtbild der Lagunenstadt angekommen. Interessanterweise haben die beiden Kuratorinnen im Padiglione Projekte von Frank Lloyd Wright, Le Corbusier und Louis Kahn für Venedig ausgestellt. Es sind Projekte, die immer Fremdkörper in der Stadt geblieben wären, hätte man sie gebaut. Dennoch hätten sie in diesem Fall eine lebendige Weiterentwicklung der Stadt anstoßen können.

Venedig zwischen State-of-the-art-Architektur und Overtourism

Es ist ein immer schwerer zu ertragender Anachronismus, dass alle zwei Jahre in den Giardini und im Arsenale der state of the art der Architektur bewundert und diskutiert wird, zugleich Venedig aber jedes Jahr mehr zu einem Disneyland für Touristen verkommt. Die Einwohnerzahl Venedigs schrumpft jährlich (2017: 54.976 im historischen Stadtzentrum)  und die Zahl der Touristen steigt überproportional in jedem Jahr und mit jedem neuen Kreuzfahrtschiff (2017: 10.511.788). Ein normales Leben ist in Venedig fast nicht mehr möglich, dagegen werden Anfang Juni 2018 die verbliebenen Venezianer in der Stadt demonstrieren.

Vielleicht sollten sich die Architekten fragen, die sich alle zwei Jahre in Venedig treffen und an der Schönheit der Serenissima erfreuen, was sie zum Überleben dieser Stadt beitragen könnten?

 

Text: Ursula Kleefisch-Jobst, Geschäftsführende Generalkuratorin des M:AI NRW. Titelfoto: Der erste Raum im Padiglione ist bestückt mit großen Architekturdetails aus historischen Projekten in zeitgenössischer Interpretation. Foto: Ursula Kleefisch-Jobst.