Mehr als nur Verkehrsadern? Living Bridges als Wohn- und Arbeitsraum

Die primäre Aufgabe von Brücken ist es zwei Punkte miteinander zu verbinden, sei es über Flüsse, Täler oder unwegsames Gelände hinweg. Könnten Brücken aber in Zeiten von knappem Bauland zu Baugrundstücken werden? Ursula Kleefisch-Jobst über Living Bridges (Teil 4 der Serie “Über Brücken”).

Der Bürgermeister der hessischen Stadt Limburg an der Lahn und ein cleverer Bauunternehmer träumen davon, die mittlerweile ausgediente Autobahnbrücke an der A3 über den tiefen Taleinschnitt der Lahn zu bebauen. Dabei sollen – wie Bienenstöcke – die weithin sichtbaren Brückenpfeiler mit Wohn- und Geschäftsgebäuden überbaut werden. Der Kölner Bauingenieur Stefan Polonyi und der Hamburger Architekt Hadi Teherani entwarfen bereits 2003 eine siebengeschossige Brücke für Hamburg, deren beiden unteren Ebenen dem Verkehr vorhalten sein sollten, darüber drei Ebenen der gewerbliche Nutzung und zwei Geschosse exklusiven Wohnungen.

Living Bridges – von einzelnen Gebäuden zu Einkaufsstraßen

Bebaute Brücken – mittlerweile international als Living Bridges bezeichnet -, sind nicht erst Visionen seit heute. Vom 13. bis zum 18. Jahrhundert waren sie in Europa weit verbreitet. Manchmal stand nur ein Gebäude auf der Brücke: eine Kapelle, um Schutz vor Hochwasser zu erbitten; ein Hospital, um ansteckende Krankheiten von der Stadt fernzuhalten; eine Mühle, um die Wasserkraft zu nutzen. Manche Brücken wie die Old London Bridge aus dem Jahre 1177 wurden erst im Laufe der Zeit bebaut, während die ab 1500 in Stein ausgeführte Ponte Notre-Dame in Paris bei ihrer Fertigstellung 1512 mit 68 Wohnungen und Verkaufsläden in einem einheitlichen Stil dicht bebaut war.

 

Die Abbildung zeigt eine Zeichnung der Old London Bridge von Matthäus Merian; Museum of London; aus: Richard J. Dietrich, Faszination Brücken. Baukunst. Technik. Geschichte, 3. Auflage, München 2001.

 

Die bekanntesten Living Bridges in Europa sind, da noch erhalten, der Ponte Vecchio in Florenz, erbaut um 1345 von dem Dom- und Stadtbaumeister Taddeo Gaddi, einem Schüler des berühmten Malers Giotto, und die Rialto-Brücke in Venedig, vollendet 1591 nach Plänen von Antonio da Ponte. Bei beiden Brücken wird der Fußweg von kleinen Geschäften gesäumt. In Florenz sind es bis heute der Tradition folgend Juwelierläden.

Eine der wenigen erhaltenen Brücken, die noch zwei geschlossene Zeilen von Wohnhäusern aufweist, ist die Krämerbrücke in Erfurt. Sie war Teil des wichtigen west-östlichen Handelsweges Via Regia – zwischen Santiago de Compostella und Moskau. Erbaut um 1325, stammen die heute noch erhaltenen 32 Fachwerkhäuser aus der Zeit nach dem großen Stadtbrand von 1472.

 

 

Hygiene, Verteidigung, Verkehr

Die Bebauung der Brücken hatte im Mittelalter oft hygienische Gründe, die Abfälle und Exkremente kippten die Bewohner bequemerweise direkt auf der Rückseite der Bebauung in den Fluss. Einige der Brücken wurden zum Schutz der Stadt und der Brücke mit Wehrtürmen versehen, wie noch heute im französischen Cahors zu sehen. Im 18. Jahrhundert verschwanden die meisten bewohnten Brücken, da sie unmodern erschienen. Die Brücke entwickelte sich – wie heute üblich – zu einer reinen Verkehrstrasse.

Heute scheinen es vor allem Bauingenieure und Architekten zu sein, die sich wieder für Living Bridges begeistern, sehen sie darin vor allem auch eine technische Herausforderung bei den viel größeren Spannweiten der aktuellen Brückenbauwerke als in den Jahrhunderten zuvor.
Die Limburger Bürger jedenfalls sind skeptisch in großen Höhen und nicht auf festem Grund zu wohnen. Das dürfte vielen Menschen so gehen, über reißendem Abgrund zu wohnen, widerspricht unserem Sicherheitsgefühl.

 

Text: Ursula Kleefisch-Jobst, Geschäftsführende Generalkuratorin des M:AI NRW. 

 

Die anderen Teile der Blog-Serie “Über Brücken”:
> Über Brücken: elegante Konstruktionen und zielgerade Zweckbauten (Teil 1)
> Drunter und drüber. Ein Plädoyer für eine Fahrt durch Duisburg – und über seine Brücken (Teil 2)
> Eine neue Brückengeneration: robust, wartungsarm und dauerhaft (Teil 3)