Mies im Westen: Aachen

In einer Mini-Serie stellen wir die drei Spielorte von “Mies im Westen” vor. Die Kuratoren der Ausstellungen, Norbert Hanenberg und Daniel Lohmann, blicken auf Aachen und die Beziehungen zwischen dem Ort, Mies Leben, seiner Arbeit dort.

In Mies van der Rohes Heimatstadt Aachen wurde mit zunehmender Bekanntschaft und Popularität des Baumeisters das Bedauern immer größer, keinen eigenen „Mies“ in Form eines Bauwerkes zu besitzen.

Außerdem wurde 1965 mit dem Abbruch des Warenhauses Tietz am Aachener Markt ein bauliches Zeugnis für seine Ausbildungszeit beim Architekten Albert Schneiders beseitigt. Für diesen hatte er 1905 als Zeichner an dem Projekt gearbeitet.

Lehrjahre in der Gründerzeit

Die prunkvoll ornamentierte Fassade des Kaufhauses verdeutlicht das Milieu der Stilarchitektur der späten Gründerzeit, in der Ludwig Maria Michael Mies seine Lehrzeit absolvierte. Ironischerweise geschah der unwissende und bedauerliche Abbruch des „Tietz“ kurz vor der Initiative des Oberbürgermeisters Heusch, Mies van der Rohe 1968 mit den Vereinigten Glaswerken VEGLA in Verbindung zu bringen, für die er dann eine Firmenzentrale im Aachener Frankenberger Viertel entwarf – nun selbstverständlich im Geiste des von ihm mit geprägten International Style. Das Projekt blieb jedoch in einem Stadium des Vorentwurfes stecken, da Mies 1969 verstarb.

Pikant ist die Tatsache, dass der Baumeister in einem der letzten Briefe zu Lebzeiten vom Bauherrn forderte, mehrere Häuser des Gründerzeitviertels zu erwerben und abzureißen, um so eine bessere und prominentere Lage für das Gebäude zu erreichen. Diese Häuser waren genau solche, wie sie von Mies ersten Arbeitgebern 65 Jahre zuvor mit seiner Mitwirkung im gleichen Viertel errichtet wurden.

Mies’ Handschrift in Aachen

Das Volkshaus „Zur Neuen Welt“ von Albert Schneiders und Ludwig Mies aus dem Jahr 1905. Es war ein Gasthaus für Sozialisten und Gewerkschafter. mit einer Gaststätte und einem Veranstaltungsort im Erdgeschoss, Wohnungen für Genossen im Obergeschoss. Foto: Nina Kuka, TH Köln.

Das Volkshaus „Zur Neuen Welt“ von Albert Schneiders und Ludwig Mies aus dem Jahr 1905. Es war ein Gasthaus für Sozialisten und Gewerkschafter. mit einer Gaststätte und einem Veranstaltungsort im Erdgeschoss, Wohnungen für Genossen im Obergeschoss. Foto: Nina Kuka, TH Köln.

Als eindrucksvolles bauliches Zeugnis für diese Lehrzeit wurde kürzlich ein unbekanntes Bauwerk entdeckt, welches nun erstmalig detailliert der Öffentlichkeit präsentiert wird. 1905 errichtete Albert Schneiders unter maßgeblicher Mitarbeit des jugendlichen Ludwig Mies ein sozialistisches Volkshaus mit Gaststätte und Mietwohnungen, an dessen Fassade unter anderem bis heute im Schriftzug „Zur Neuen Welt“ die Handschrift von Mies erkennbar ist.

Aachen ist somit der Ort, an dem das älteste Bauwerk erhalten ist, an dem Ludwig Mies mitarbeitete. Beinahe wäre die Stadt auch diejenige mit dem „letzten“ Mies geworden, wenn die Vegla die Zusammenarbeit mit Mies‘ Enkel Dirk Lohan über den Tod des Baumeisters hinaus aufrechterhalten hätte.

In der Aachener Teilausstellung von “Mies im Westen” wird damit der lange Lebensweg des Ludwig Mies van der Rohe deutlich, der vom katholischen Handwerkersohn aus dem Rheinland über Berlin und Chicago zu einem der bekanntesten Baumeister des 20. Jahrhunderts wurde. Die Verbundenheit mit der Heimatstadt ist immer wieder spürbar, und verdeutlicht beispielhaft den Aspekt der rheinischen Wurzeln von „Mies im Westen“.

Text: Prof. Norbert Hanenberg (TH Mittelhessen) und Prof. Dr. Daniel Lohmann (TH Köln).

> Weitere Informationen zur Aussstellungsreihe “Mies im Westen”