Mies im Westen: Essen

In drei Beträgen stellen die Kuratoren von “Mies im Westen”, Norbert Hanenberg und Daniel Lohmann, die drei Ausstellungsorte vor. Dabei blicken sie auf die dieses Mal auf die Beziehungen zwischen Mies van der Rohe und seiner Arbeit in Essen.

Der Name Mies van der Rohe war in Essen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem großen Bauprojekt verbunden. Hatten doch das Unternehmen Krupp und sein prominenter Manager Berthold Beitz den Architekten 1960 mit einem Entwurf für die neue Hauptverwaltung der Firma oberhalb der Villa Hügel im Essener Süden beauftragt.

Rücksansicht auf das Modell zur geplanten Zentrale der Firma Krupp im Essener Süden nahe der Villa Hügel. Quelle: Historische Archiv Krupp.

Rücksansicht auf das Modell zur geplanten Zentrale der Firma Krupp im Essener Süden nahe der Villa Hügel. Quelle: Historische Archiv Krupp.

Das Vorhaben und erste Eindrücke der spektakulären Planung wurden seinerzeit aufmerksam von der Lokal- und Fachpresse verfolgt. Wäre das Projekt realisiert worden, besäße Essen nicht nur den ersten „Mies“ nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch einen besonders ambitionierten und in seiner strukturellen Klarheit außergewöhnlichen Bau. Doch es kam anders, und das Projekt wurde 1963 seitens der Firma Fried. Krupp „zurückgestellt“. 

Flexible Nutzung mittels struktureller Ordnung

Nach dem Prinzip, mit struktureller Ordnung ein Gebäude zu entwickeln, das eine möglichst flexible Nutzung ermöglicht, entstehen in den 1950er Jahren bis zu den frühen siebziger Jahren weltweit Architekturen in großer Verwandtschaft mit den Bauten von Vordenkern wie Mies van der Rohe.

In Essen lässt sich unter anderem sowohl der Ursprungsbau des Museums Folkwang aus den 1950er Jahren als auch seine Überformung durch das Büro Chipperfield (2007 bis 2010) auf die Prinzipen Mies van der Rohes beziehen als auch die äußere Gestalt des 1972 beschlossenen und 1975-79 errichteten Rathauses von Theodor J. Seifert.

Erste bauliche Spuren in Essen

Weniger bekannt ist heute die Tatsache, dass Mies van der Rohe bereits 1930 bauliche Spuren in Essen hinterließ: Für den prominenten Vorstandsvorsitzenden der RWE, Ernst Henke, plante und realisierte er einen Anbau für dessen Privathaus im Essener Südwesten. Die Ergänzung bestand zwar nur aus einem neuen Gartenraum, auf dessen Oberseite eine Terrasse lag, doch vereint dieses kleine Projekt in sich einige grundlegende Ideen Mies van der Rohes.

Modell des Haus Henke in Essen nach Plänen von Mies van der Rohe. Modellbau von Natascha Glamocak und Aischa Baaske für das Ausstellungsprojekt MIes im Westen (2019). Foto: Aischa Baaske.

Modell des Haus Henke in Essen nach Plänen von Mies van der Rohe. Modellbau von Natascha Glamocak und Aischa Baaske für das Ausstellungsprojekt MIes im Westen (2019). Foto: Aischa Baaske.

Einmalig war beispielsweise die weder im Krefelder „Haus Lange“ noch im „Haus Tugendhat“ erreichte ebenerdige Verschmelzung von Garten und Wohnzimmer mittels einer vollständig versenkbaren sieben Meter breiten Glasscheibe.

Zu den erfreulichen Erkenntnissen des Projektes „Mies im Westen“ zählt die Tatsache, dass von „Haus Henke“ mehr erhalten ist als es die spärliche Literatur zu diesem Bau vermuten ließe. Die Ausstellung zeigt die Ergebnisse der Spurensuche und wissenschaftlichen Dokumentation der Überreste des Hauses.

Exemplarische Bauten für Mies‘ große Schaffensphasen

In der Essener Teilausstellung werden mit dem „Haus Henke“ und der Krupp-Zentrale das kleinste und das größte Projekt innerhalb von „Mies im Westen“ präsentiert. In der Zusammenschau stehen die beiden exemplarisch für die beiden großen Schaffensphasen von Mies van der Rohe. So suchte er in der Zwischenkriegszeit noch die Nähe von kunstinteressierten Industriellen wie Ernst Henke, um seine Ideen des neuen Wohnens verwirklichen zu können.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und im Aufwind des Wirtschaftswunders entwickelte er sich in seiner amerikanischen Schaffensphase zum weltweit gefragten und gestalterisch dominierenden Architekten.

Text: Prof. Norbert Hanenberg (TH Mittelhessen) und Prof. Dr. Daniel Lohmann (TH Köln).

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