Mies im Westen: Krefeld

In drei Beiträgen stellen die Kuratoren von “Mies im Westen”, Norbert Hanenberg und Daniel Lohmann, die drei Ausstellungsorte vor. Dabei blicken sie dieses Mal auf die Beziehungen zwischen Mies van der Rohes Leben, seiner Arbeit und Krefeld.

Die Projekte in Krefeld nehmen eine besondere Position innerhalb des Werkes von Mies van der Rohe ein. Etwa elf Jahre lang profitierte er von den guten Beziehungen zu den „Krefelder Freunden“ um den Seidenfabrikanten Hermann Lange. Gemeinsam mit Josef Esters und weiteren Akteuren der ansässigen Textilindustrie hatte Lange 1920 die Vereinigte Seidenwebereien AG (Verseidag) gegründet. Dieser Zusammenschluss führte recht früh zum Bau einer Industrieanlage, deren Umsetzung in den Jahren 1925 bis 1938 weitgehend unter Beteiligung Mies van der Rohes erfolgte.

Reproduktion (Vereinigte Seidenwebereien AG (Verseidag), Werksanlagen am Girmesgath vor dem 22.01.1941, Quelle: Der Oberbürgermeister, Stadtarchiv Krefeld.
Die Vereinigten Seidenwebereien AG (Verseidag), Werksanlagen am Girmesgath vor dem 22.1.1941, Repro. Quelle: Der Oberbürgermeister, Stadtarchiv Krefeld.

Innerhalb der sechs Krefelder Projekte dieser Zeit wurden mit den Wohnhäusern für Lange und Esters und der Seidenfabrik drei gebaut, während drei weitere ungebaut blieben. Sie stellen Krefeld in seiner Bedeutung für das architektonisch Wirken eines herausragenden Protagonisten seiner Zeit auf eine Stufe mit Hagen und Darmstadt und machen es weit über das Rheinland hinaus bekannt.

Mies als wichtiger Akteur der modernen Avantgarde

Die Krefelder Projekte verdeutlichen eindrucksvoll die sehr verdichtete Schaffensphase von Mies van der Rohes erstem Karrierehöhepunkt. Er war einer der wichtigen Akteure der modernen Avantgarde der 1920er und -30er Jahre, die nach dem Ersten Weltkrieg in ihrem Wirken mit den Ideen einer neuen Zeit neue Ausdrucksformen, Konstruktionsmöglichkeiten und Bedeutungsebenen von Architektur suchten.

Diese Projekte im Kontext der Seidenindustrie von Mies van der Rohe illustrieren auf einmalige Weise die spannungsvolle Beziehung avantgardistischer Bauideen und konstruktiver Herausforderungen: von den hybriden Stahl-Mauerwerks-Konstrukten von Haus Lange und Esters über den funktionalistischen, verkleideten Stahlskelettbau des HE-Gebäudes (HE steht für Herrenfutterstoffe, Anm. d. Redaktion) der Verseidag bis hin zum Zusammenspiel von Wandscheiben und verchromten Kreuzstützen wie im Haus Ulrich Lange oder dem Golfclub.

Architekturmodell des ungebauten Wohnhauses für Ulrich Lange (1935). Modell: Simon Gellert und Dirk Crummenerl, RWTH Aachen. Foto: Norbert Hanenberg.
Architekturmodell des ungebauten Wohnhauses für Ulrich Lange (1935). Modell: Simon Gellert und Dirk Crummenerl, RWTH Aachen. Foto: Norbert Hanenberg.

Damit verdeutlichen die Krefelder Bauten eindrucksvoll neben ihrer eigenen Geschichte auch die Entwicklung und Bandbreite der architektonischen Prinzipien und konstruktiven Lösungen dieser Zeit der Suche.

Krefelder Projekte nehmen amerikanische Phase vorweg

Das ungebaute Großprojekt für die Hauptverwaltung der Vereinigten Seidenwebereien, auf dem Bauplatz des heutigen „Stadthauses“ von Egon Eiermann, nimmt 1938 die formalen Prinzipien weißer Putzbauten mit Lochfenstern im Proportionssystem der Seidenfabrik noch einmal auf.

Damit hatte Mies ein Bauwerk entworfen, das als letztes Projekt einen Schlussstrich unter die deutsche Schaffensphase zieht. Dieser Einblick in die selbstreferenzielle und sich sukzessive entwickelnde Arbeitsweise Mies van der Rohes zeigt, wie sehr die Erfahrung der Krefelder Projekte bereits zukünftige Handlungsstrategien der amerikanischen Phase vorweg nehmen.  

Text: Prof. Norbert Hanenberg (TH Mittelhessen/ Gießen) und Prof. Dr. Daniel Lohmann (TH Köln).

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