Von technischer Innovation und gesellschaftlicher Relevanz

Visionäre und Alltagshelden – von wem ist hier die Rede? Von Menschen mit vorausschauenden und kühnen Ideen, die aber gleichzeitig im Hier und Jetzt verwurzelt sind. Von Menschen, deren Arbeit optisch spektakulär ist, die unseren Alltag maßgeblich erleichtert und die dennoch oft nicht auffällt. Die Ausstellung “Visionäre und Alltagshelden. Ingenieure – Bauen – Zukunft”, die das M:AI als Koproduktion mit dem Oskar von Miller Forum von 17. Mai bis 1. Juli 2018 zeigt, handelt von Ingenieuren im Bauwesen. Die Ausstellung im stadtbauraum in Gelsenkirchen veranschaulicht an herausragenden aktuellen Projekten die derzeitigen großen Aufgabenfelder von Bauingenieuren unter den folgenden Aspekten: Hülle + Raum, Wasser + Energie sowie Mobilität + Transport. Dabei spielt die Analyse der gesellschaftlichen Herausforderungen eine besondere Rolle.

Gesellschaftliche Fragen und technische Antworten

“Es ist etwas Selbstverständliches, Unauffälliges, dass herausragende Leistungen von Ingenieuren unseren Alltag bestimmen”, schreibt der Philosoph Wilhelm Vossenkuhl im Begleitbuch zur Ausstellung. Warum ist das so? Weil viele Aufgaben, denen sich Ingenieure widmen, von uns Tag ein Tag aus ganz selbstverständlich in Anspruch genommen werden. Ein paar Beispiele: Mobilität, insbesondere individuelle Mobilität, ist ein hohes Gut in unserer Gesellschaft. Wie aber können wir die Verkehrsströme optimal lenken? Ingenieure verbesserten mit Hilfe von Computersimulationen die Wegeführung an einer der verkehrsreichsten Kreuzungen der Welt – Oxford Circus in London. Mit dem Ergebnis: Fußgänger können diese nun auch in der Diagonalen queren. Sie erhalten damit eine weitere Option, den Platz zu kreuzen, das entzerrt die Fußgängerströme und spart Zeit.

Brücken gehören zu den klassischen Bauaufgaben von Ingenieuren. Dabei geht es heute nicht mehr nur darum, immer größere Distanzen – möglichst stützenfrei – über  Flüsse und Meerengen zu überwinden oder immer tiefere Schluchten zu überspannen. Es gilt vielmehr, Brückenbauwerke angemessen in die Landschaft einzubetten. Der Klimawandel stellt neue Anforderungen an den Hochwasserschutz. Nachhaltige Energiegewinnung umfasst nicht nur riesige Stauseen, sondern zwingt auch zur Ertüchtigung bestehender Staumauern. Offshore-Windräder werden in immer größere Meerestiefen verankert und sollen die Nebenwirkungen für die Ökosysteme so gering wie möglich halten. Dabei steigt unser Energiebedarf ständig und soll doch zukünftig nur noch mit regenerativen Energien gedeckt werden. Solche Anforderungen werden von der Gesellschaft formuliert – Ingenieure machen sie sich zur Aufgabe.

Maßstäbe setzen, die spektakulär erscheinen

“Ingenieure im Bauwesen haben viele Maßstäbe gesetzt, die den Menschen nach einiger Zeit alltäglich vorkommen. Sie haben aber auch Maßstäbe gesetzt, die bleibend spektakulär erscheinen”, schreibt Wilhelm Vossenkuhl an anderer Stelle. Dazu zählen sicherlich die immer höher in den Himmel ragenden Hochhäuser. Mit 829,8 Metern – einschließlich der Antenne – und 163 Geschossen ist der Burj Khalifa in Dubai der zurzeit höchste Wolkenkratzer der Welt. Ein neuer Tragwerkstyp, der »Buttressed Core« – der gestützte Kern – ermöglicht diese enorme Höhe. Vermutlich geht es konstruktiv und technisch noch höher hinaus, aber es stellt sich auch die Frage: In welchen Höhen fühlen sich die Menschen überhaupt noch wohl?

Gleich mehrere Superlative vereint die neue Seilbahn auf die Zugspitze bei Garmisch-Partenkirchen: Die 4,5 Kilometer lange Fahrt führt nur über eine Stahlstütze, mit 127 Metern ist sie die höchste Pendelstütze weltweit. Und mit 1.945 Metern überwindet die neue Bahn außerdem den bisher größten Gesamthöhenunterschied. Hinzu kam eine Extrembaustelle in knapp 3.000 Metern Höhe bei Temperaturen zwischen minus 30 und plus 18 Grad Celsius sowie Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 Kilometer pro Stunde. Ist das Machbare aber auch immer sinnvoll? Die Lösungen zu finden für solche extremen Herausforderungen, spornt Ingenieure zu Höchstleistungen an, sie liefern aber auch immer wieder pragmatische Lösungen für ganz alltägliche, wenngleich wichtige Aufgaben.

Begehbares Messfeld: Inszenierung von Pionierleistung

In der Ausstellung selbst macht ein begehbares Messfeld die großen Pionierleistungen der Ingenieurkunst ab dem 18. Jahrhundert erlebbar und erläutert dabei sowohl die gesellschaftlichen Herausforderungen als auch die technischen Neuerungen. Gleichzeitig wird durch die Inszenierung der Wandel des Berufs und das damit einhergehende neue Selbstverständnis vom Militäringenieur zum civil engineer verständlich erklärt. Hinter all diesen Leistungen und Entwicklungen stehen Männer und Frauen, die als Erfinder, Unternehmer, Problemlöser und Gestalter tätig waren. Sie nehmen in diesem Messfeld eine besondere Rolle ein. Dabei werden ebenso ihre Beziehungen untereinander anschaulich – als Lehrer und Schüler, Ideengeber, Vor- und Weiterdenker sowie als Kollegen, aber auch als Kontrahenten.

Text: Ursula Kleefisch-Jobst

Titelfoto: Bill Addis hat das Bauingenieurwesen aus historischer Sicht erforscht. Hier besucht er die Ausstellung “Visionäre und Alltagshelden” im Oskar von Miller Forum in München im November 2017. Foto: © Astrid Eckert.

 

> Ausstellungskooperation

“Visionäre und Alltagshelden. Ingenieure – Bauen – Zukunft” entstand in enger Zusammenarbeit des M:AI mit dem Oskar von Miller Forum in München, einer Einrichtung der Bayrischen Bauwirtschaft. Die Ausstellung war von November 2017 bis Januar 2018 im OvMF zu sehen. In NRW wird sie unterstützt durch die Ingenieurkammer-Bau NRW und den Bauindustrieverband NRW.

 

> Zur Projektseite “Visionäre und Alltagshelden”