Von Experimenten, amerikanischen Vorbildern und dem Mut zu markanten Zeichen: die Themen der Ausstellung

Die Ausstellung “Modern gedacht! Symbole der Nachkriegsarchitektur” (31.10. – 16.11., Technisches Rathaus Bochum) des Museums für Architektur und Ingenieurkunst NRW stellt herausragende Bauwerke der 1950er bis 1970er Jahre in Deutschland vor. Ein Überblick der Ausstellungsthemen im Schnelldurchgang.

Neue Städte

In den florierenden Wirtschaftswunderjahren der 1950er und -60er Jahre entstanden viele Industriestandorte außerhalb der Städte. Für die Menschen, die dort arbeiteten, und ihre Familien musste nicht nur Wohnraum geschaffen werden, sondern auch Geschäfte, Schulen, Kultur- und Freizeiteinrichtungen – eine komplette Infrastruktur.

Dem Bevölkerungswachstum der Babyboom-Jahre und der erhöhten Nachfrage nach immer größeren Wohnungen waren die städtischen Strukturen der Vorkriegszeit jedoch nicht gewachsen. Dies war eine gewaltige Herausforderung für die lokale Politik und das Bauwesen, zugleich aber auch eine Chance, ohne die Restriktionen der historischen Stadt neue Vorstellungen von Urbanität umzusetzen.

Wohnwelten

Eine der neuen Wohnwelten: Das Terrassenhaus "Girondelle" in Bochum. Foto:Peter Breuer.

Eine der neuen Wohnwelten, die in den späten 1960er Jahren gebaut worden ist: das Terrassenhaus “Girondelle” von Architekt Albin Hennig in Bochum. Foto:Peter Breuer.

 

Der Großteil des Wohnbaubestands in Europa entstand zwischen 1949 und 1975, während des Wiederaufbaus der kriegszerstörten Städte und den anschließenden Boom-Jahren. Der erforderliche Flächenbedarf führte zunehmend zur Verlagerung der neuen Wohnsiedlungen an die Stadtränder und hatte eine starke Zersiedlung der Landschaft zur Folge.

Als zeitgemäße Alternative zu den kleinteiligen Strukturen der Kernstädte entwickelten Architekten und Stadtplaner unter dem Motto „Urbanität durch Dichte“ neue Ideen. Um Grundstücke optimal auszunutzen, bauten sie in die Höhe, gruppierten Wohneinheiten in Ketten oder stapelten sie. Es entstanden aber nicht nur Großbauten, sondern auch ganze Siedlungen, die oft wie eine kleine Stadt konzipiert waren

Architektur als Experiment

Vom Farbfernseher bis zur Mondlandung: Die 1960er und 1970er Jahre waren eine Zeit der technischen Innovationen und konstruktiven Experimente – auch in der Architektur. Industrielle Fertigungsmethoden eröffneten neue Dimensionen des Bauens, Rationalisierung und Effizienz waren die Ziele. Nur so schien es möglich, den dringend erforderlichen Wohnraum zu schaffen und die Städte modern und zugleich schnell sowie kostengünstig auszubauen. Leichtbausysteme aus vorfabrizierten Bauteilen versprachen flexible Strukturen, die sich schnell montieren und dem jeweiligen Bedarf anpassen ließen.

Funktion + Struktur = Raum

Funktional wie eine Maschine, lebensfähig wie der menschliche Organismus – so sollten auch die Stadt und ihre Gebäude konzipiert sein. Gemäß dem Motto „form follows function“ hatte sich bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Architektursprache entwickelt, die die Gestaltung und Ästhetik eines Bauwerks unmittelbar aus der Funktion ableitet und diese auch sichtbar macht.

Die Architekten der 1960er und 1970er Jahre versuchten, Strukturen zu entwickeln, in denen sich Räume für unterschiedliche Nutzungen, technische Infrastruktur und Erschließungswege rational und flexibel unterbringen ließen.

Markante Zeichen

Modern gedacht und ein Symbol der Nachkriegsarchitektur: Sankt Paulus in Neuss_Foto: Eckart Wittmann.

Modern gedacht und ein Symbol der Nachkriegsarchitektur: Sankt Paulus in Neuss aus dem Jahr 1966-68 von den Architekten Fritz und Christian Schaller sowie dem Ingenieur Stefan Polónyi. Foto: Eckart Wittmann.

 

Ende der 1950er bis Anfang der 1960er Jahre stellten jüngere Architekten die zunehmend als emotional unterkühlt empfundene Architektur der klassischen Moderne und die schlichte Bescheidenheit der Wiederaufbaujahre infrage. Ihre Abwehrhaltung basierte nicht zuletzt auf dem Gefühl der Stagnation, bedingt durch erste Krisen in der Bauwirtschaft, aber auch gegenüber den etablierten älteren Kollegen. Sie suchten nach eigenen, neuen Ausdrucksmitteln.

Innovative Materialien und Techniken boten die Möglichkeit, freie Formen zu entwickeln und individuelle Räume zu schaffen. Aus Glas, Beton und Kunststoffen entstanden skulpturale Bauwerke, die sich von der Masse der rationalisierten und standardisierten Gebäude abhoben.

Internationale Bezüge

International Style in Düsseldorf: das Dreischeibenhaus von 1957-60 von den Archittekten Helmut Hentrich und Hubert Petschnigg (mit Fritz Eller, Erich Moser und Robert Walter) . Foto: © Peter Breuer.

International Style in Düsseldorf: das Dreischeibenhaus von 1957-60 von den Archittekten Helmut Hentrich und Hubert Petschnigg (mit Fritz Eller, Erich Moser und Robert Walter) . Foto: © Peter Breuer.

 

In der Architektur und dem Städtebau knüpften vor allem die jüngeren Planer an den „International Style“ an. Im Europa der 1920er Jahre entstanden und von deutschen Emigranten wie Walter Gropius und Mies van der Rohe in Amerika geprägt, trat dieser Stil mit seinen streng gerasterten Vorhangfassaden als „amerikanisches Vorbild“ seinen Siegeszug um die Welt an. Planer in der BRD wollten mit diesem Bezug eine Architektur für ein demokratisches, weltoffenes und modernes Land schaffen. Wettbewerbe ermöglichten Architekten aus aller Welt wieder Bauten in der Bundesrepublik zu errichten.

Texte: M:AI; Redaktion: Timo Klippstein

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