Wie sichtbar sind Frauen in der Architektur?

Die architektinnen.initiative.nrw fragte zum Ende des Bauhausjahrs nach der Sichtbarkeit von Frauen in der Architektur. Ursula Kleefisch-Jobst war für das M:AI dabei.

Das Bauhausjahr neigt sich dem Ende zu. „Bauhaus 100“ hat viel Neues hervorgebracht. Unter anderem drei Museumsneubauten, eine überbordende Fülle an Ausstellungen, populäre und wissenschaftliche Veranstaltungen, Fachveröffentlichungen und literarische Werke, Dokumentar- und Spielfilme. Das M:AI selbst zeigte die Ausstellung “Mies im Westen” zu Projekten von Mies van der Rohe. Bei der Google-Suchanfrage “Architektin Bauhaus” wurde man bis vor kurzem noch gefragt: “Meintest du: Architekt Bauhaus”. Mittlerweile weiß auch Google, dass es Architektinnen am Bauhaus gab und präsentiert sogar 131.000 Ergebnisse in 0,86 Sekunden, die sich mehrheitlich aber auf das Stichwort “Bauhaus” beziehen.

Wer auf die Frauen am Bauhaus blickt, dem stellen sich schnell die Fragen: Wer waren sie, welche Rollen spielten sie und wie groß war ihr Einfluss? Dahinter steckt die weiterhin äußerst relevante Frage: Wie sichtbar sind Frauen in der Architektur?

Veranstaltung der architektinnen.initiative.nrw stellt Frauen am Bauhaus vor

Ja, es gab sie, die Frauen am Bauhaus – und weit mehr als bislang angenommen, wie Mary Pepchinski, Professorin an der TU Dresden, Kuratorin der DAM-Ausstellung „Frau Architekt“, mit ihren neuesten Forschungen belegen konnte. Thematisiert wurde dies Mitte November auf einem Vortragsabend mit Diskussion mit dem Titel „Keine Frauen am Bauhaus? Und es gab sie doch!“ von der architektinnen.initiative.nrw an der Hochschule in Düsseldorf.

In vielen Unterrichtsklassen des Bauhauses gab es Frauen, nicht nur in der Weberei und der Töpferei, auch in der Mal-, der Typografie-, der Fotografieklasse sowie in der Schreinerei und Metallwerkstatt. Einige studierten in der von Walter Gropius in Dessau eingerichteten Abteilung Bau und Ausbau. Erst mit der Berufung von Hannes Meyer gab es ab dem Sommersemester 1927 eine eigene Architekturabteilung.

Kath Both – Kleinwohnungen und Inneneinrichtungen

Ute Maasberg, die mit Regina Prinz im Jahr 2005 in Dessau die Ausstellung „Die Neuen kommen! Weibliche Avantgarde in der Architektur der zwanziger Jahre“ kuratiert hat, erläuterte am Lebensweg von Kath Both wie Ausbildung, aber auch Lebensgefühl am Bauhaus, den Frauen über die künstlerischen Fächer den Weg zur Architektur öffnete. Anna Elisabeth Mathilde Both kam über die Kunstgewerbeschule in Kassel und die Kunstschule Burg Giebichtenstein Halle/Saale 1926 ans Bauhaus. Sie absolvierte dort eine Tischlerlehre. Funktionale Möbel für die sozialen Siedlungsbauten sollte eines ihrer wichtigsten Arbeitsfelder werden.

Walter Gropius und Hannes Meyer bescheinigten ihr ein großes Talent in der Architektur. 1928 verließ Kath Both das Bauhaus, um als Architektin zu arbeiten. Zunächst im Büro von Luckhard & Anker in Berlin und ab 1929 in Celle bei Otto Haesler beschäftigte sie sich vor allem mit Kleinwohnungen und deren Inneneinrichtung. Wie vielen Frauen ihrer Generation blieb auch Kath Both eine Tätigkeit als Architektin nach dem Zweiten Weltkrieg verwehrt. Über ihre Zeit am Bauhaus urteilte sie:

 

„Gelernt haben wir nix, wir haben nur unseren Charakter gefestigt.“[1]

 

Gleichberechtigung am Bauhaus?

Die Frauen am Bauhaus, die oft unter großem persönlichen Verzicht ihre bürgerlichen Konventionen hinter sich ließen, suchten vor allem Gleichgesinnte in Weimar und Dessau, die versuchten gleichberechtigt und selbstbestimmt ihr Leben zu gestalten. Von Gleichberechtigung kann allerdings am Bauhaus nicht die Rede gewesen sein, auch wenn Walter Gropius in der Begrüßungsrede an die Studierenden in Weimar verkündete:

 

„Kein Unterschied zwischen schönem und starken Geschlecht. Absolute Gleichberechtigung, aber auch absolut gleiche Pflichten.“

 

Ein Meisterratsprotokoll von 1921[2] belegt eine andere Haltung des Bauhausgründers:

 

„Nach unseren Erfahrungen werden sich Frauen in den seltensten Fällen für die schweren Handwerke wie Steinbildhauerei, Schmiede, Tischlerei, Wandmalerei, Holzbildhauerei, Kunstdruckerei eignen. Es wäre also darauf hinzuwirken, dass nach dieser Richtung keine unnötigen Experimente mehr gemacht werden.“

 

Wera Meyer Waldeck – Erfahrungen im Industriebau

Der Lebensweg von Wera Meyer-Waldeck, den Mary Pepchinsky darstellte, verdeutlicht den Kampf gegen das männliche Vorurteil, Frauen lediglich als Spezialistinnen für Wohnungen anzuerkennen. 1906 in Dresden geboren, kam Wera Meyer-Waldeck 1927 mit grafischer Vorbildung zum Bauhaus. Nach der Gesellenprüfung in der Tischlerei studierte sie von 1929 bis 1932 an der Bau- und Ausbauabteilung und erwarb als eine der wenigen Frauen ein Diplom. Ab 1937 arbeitete sie als Architektin an Brücken, Rathäusern und Bürobauten für die Oberste Bauleitung der Reichsautobahn und Reichsbahndirektion.

Während des Zweiten Weltkriegs übernahm sie 1941 die Leitung der Planungsabteilung der Berg- und Hüttenwerksgesellschaft Karwin in Oberschlesien und bewährte sich damit im Industriebau, der bis dahin nur Männern vorbehaltenen war. Diese ungewöhnliche Chance, die sie aber nicht fortführen konnte, war vermutlich dem Umstand geschuldet, dass Frauen im Krieg die Arbeit von Männern übernahmen. Wera Meyer-Waldeck, die sich in den Aufbaujahren der BRD wieder auf die klassischen Arbeitsfelder von Frauen zurückzog, gehört zu den wenigen Frauen, die als selbständige Architektin mit eigenen Büro in Bonn erfolgreich tätig gewesen ist.

Liv Falkenberg – Möbelentwürfe für die Nachkriegsmoderne

Eine weitere interessante Frau ist Ida (Liv) Falkenberg-Liefrinck, deren die Karriere sich im Schatten einflussreicher Männer entwickelte. Über diese niederländische Innenarchitektin und Designerin ist bislang wenig bekannt. Tanja Scheffler, Dozentin an der TU Dresden, schilderte anhand ihrer Forschungen den Weg Falkenbergs. Sie besuchte zunächst die Kunstgewerbeschule Quellinius in Amsterdam und arbeitete von 1926-1928 im Architekturbüro von Pieter Oud in Rotterdam. Entscheidend für ihre weitere Entwicklung war ihre Ausbildung als Möbeltischlerin in den Deutschen Werkstätten in Hellerau. Viele Möbelentwürfe aus dem ersten Nachkriegsjahrzehnt der DDR gehen auf sie zurück; sie sind aber bis heute fast ausschließlich unter den Namen ihrer männlichen Kollegen, insbesondere Selman Selmanagics’, bekannt.

Architektinnen heute – der Weg Claudia Roggenkämpers von HPP Architekten

Mit dem Wissen um die vergangenen Verhältnisse stellt sich die Frage: Wie ist die Situation heute für Architektinnen? Die Architektin Claudia Roggenkämper nahm dazu Stellung. Roggenkämper ist die einzige Frau in der 14-köpfigen Partnerriege von HPP Architekten in Düsseldorf. Ihr Berufswunsch Architektin stand früh fest. Das Studium, überhaupt ein Hochschulstudium, musste sie aber gegen den Widerstand des Vaters erkämpfen. Und nach der Ausbildung verlief ihr Berufsweg über Selbstständigkeit und eine Unterbrechung für die Familie nicht gradlinig.

Auf die Frage, ob Frauen anders arbeiten als Männer, vielleicht auch anders an architektonische Aufgaben herangehen, hatte sie eine klare Antwort: Frauen haben einen anderen Kommunikationsstil. Sie kommunizieren offener, nicht hierarchieorientiert, und arbeiten lösungsorientierter.

Diese Haltung attestierte Ute Massberg auch den Architektinnen der 1920er Jahre:  eine Ganzheitlichkeit in der Betrachtung gegenüber den männlichen Kollegen. Ein Unterschied, der vielleicht auch heute noch zutrifft, aber keine ausreichende Erklärung ist, warum immer noch so wenige Architektinnen ins Licht der Öffentlichkeit treten.

 

Text: Ursula Kleefisch-Jobst.

[1] Die Neuen kommen! Weibliche Avantgarde in der Architektur der zwanziger Jahre, hrsg.v. Ute Maasberg, Regina Prinz, 2. Aufl., Hamburg 2005, 73.

[2] zitiert nach: Die Neuen Kommen!,a.a.O., 43-44